Ein Zwiegespräch mit meinem Opa Paul Krause
Kessel von Tscherkassy, Ukraine, Abend des 16. Februar 1944
Vorbemerkung
Dieses Gespräch hat nie stattgefunden. Paul Krause hat gelebt. Seine Stationen stehen in seinem Wehrpass, und der Kessel, das Datum und die Zahlen sind belegt. Was er sagt und denkt, ist erfunden, in Anlehnung an ihn und an das, was Männer wie er später aufgeschrieben haben. Ich habe versucht, alles so wahr zu machen, wie ich kann.
Und noch etwas: Dieser Text zeigt den Krieg so, wie er war. Es ist nichts für einen leichten Abend. Es soll auch keiner sein.
Drei Uhr morgens
Es war kurz nach drei. Ich saß auf der englischen Ledercouch in meinem Wohnzimmer, der Kaffee neben mir war heiß, die Stehlampe brannte gelb. Auf meinen Knien lag ein Büchlein, so groß wie eine Hand, mit einer abgerissenen Ecke: der Wehrpass meines Großvaters.
Ich hatte den ganzen Abend darin gelesen. Einheiten, Daten, Stempel. Charkow. Dnjepr. Tscherkassy. Für mich waren das Wörter aus dem Geschichtsunterricht. Für den Mann, der sie erlebt hat, waren es Kälte, Hunger und Angst.

Bild: KI-generiert (LindenendProject)

Seite 34 las ich dreimal. 17.11.43. Splitter. Verblieb bei der Truppe. Darunter ein Stempel: Oberleutnant und Batteriechef.
Verblieb bei der Truppe. Vier Wörter. Er hätte ins Lazarett gehen können, vielleicht sogar nach Hause. Er blieb. Oder man ließ ihn nicht gehen. Der Pass verrät es nicht.
Ich klappte ihn zu. Und plötzlich roch es nach nasser Wolle, nach Diesel und kaltem Rauch. Dann war die Couch weg.
Das Loch
Ich stand bis zu den Knöcheln im Matsch. Es war finster. Aus dem Himmel fiel etwas, das Schnee sein wollte und im Fallen zu Wasser wurde. Hinter mir brannte irgendwo ein Haus, ein oranger Schimmer an den Wolken, und von weit her kam ein dumpfes Grollen, das nicht aufhörte. Kein Gewitter.
Und es stank. Das hatte mir kein Buch gesagt. Es stank nach Kot und nach nassem, verbranntem Holz, nach Petroleum und nach etwas Süßlichem, das ich nie zuvor gerochen hatte und doch sofort erkannte: Verwesung. Irgendwo in der Nähe lag ein Pferd, und es lag schon länger. Vielleicht lag dort auch mehr als ein Pferd.
Zwei Schritte vor mir war ein Loch im Boden, mit Brettern und einer Zeltbahn abgedeckt. Aus dem Loch schaute der Lauf einer Pistole.

„Halt. Hände hoch.“

Ich hob die Hände. In der rechten hielt ich immer noch den Wehrpass.

Bild: KI-generiert (LindenendProject)

„Wer bist du? Wo kommst du her? Du hast kein Koppel, keinen Helm … was ist das für ein Zeug?“
Ich trug Jeans, Winterjacke und Turnschuhe. Ich sah mich mit seinen Augen und verstand, wie das aussehen musste.
„Ich bin nicht dein Feind“, sagte ich. „Ich bin unbewaffnet.“
„Das sagen sie alle.“
Er kroch heraus, die Pistole vor sich. Eine 08, ich kannte sie aus seinem Pass, Seite 20, zwischen MG und Handgranate. Ein Mann im nassen Mantel, Mütze tief in der Stirn, das Gesicht grau und eingefallen, seit Tagen nicht rasiert. Ich kannte dieses Gesicht vom Foto auf Seite 2. glatt gescheitelt, Anzug, Einstecktuch. Es war dasselbe Gesicht, nur hatte der Krieg es angenommen und behalten.
Paul war dreiunddreißig. Er sah aus wie fünfundvierzig.
„Name?“
„Abts. Hans-Jürgen.“
„Abts. Kenn ich nicht. Welche Einheit?“
„Keine.“
„Dann bist du ein Spitzel.“
„Ich bin dein Enkel.“
Er lachte. Kurz und trocken, wie jemand, der seit Tagen nicht gelacht hat und es sofort bereut.
„Ich bin dreiunddreißig, Junge. Ich habe zwei Kinder. Bis ich einen Enkel habe, dauert es.“
Er musterte mein Gesicht, die grauen Haare, die Falten. Der Schneeregen tropfte von seinem Helmrand.
„Und du bist fast doppelt so alt wie ich“, sagte er langsam. „Wer bist du?“
„Du wurdest am 19. Mai 1910 in Rauscha bei Görlitz geboren“, sagte ich. „Dein Vater hieß Gustav und war Arbeiter. Du warst Bauarbeiter, bis sie dich am 15. Mai 1939 in Dortmund eingezogen haben. Artillerie, dann Sturmgeschütze. Seit dem 1. April 1943 bist du Unteroffizier.“
„Das steht in jedem Soldbuch.“
„Dann sage ich dir etwas, das in keinem Soldbuch steht.“
Ich nannte ihm einen Namen: den Namen seiner Tochter, meiner Mutter. „Marlies.“
Mehr nicht.
Die Pistole sank. Nicht ganz, aber sie sank.
„Woher …“, sagte er.
„Sie ist meine Mutter.“
Er sah mich lange an. Der Schneeregen lief ihm übers Gesicht. Er wischte ihn nicht weg.
„Wie viel Zeit ist zwischen uns?“, fragte er.
„Zweiundachtzig Jahre. Ich komme aus dem Jahr 2026. Ich bin zweiundsechzig.“
„Zweiundsechzig.“ Er rechnete. Ich sah, wie er rechnete. „Dann wäre ich hundertsechzehn.“
„Ja.“
„Dann bin ich tot.“
„Ja, Opa. Du bist lange tot. Aber ich habe dich noch gekannt.“
Er hörte den Satz. Ich sah, wie er ihn hörte, wie er ihn umdrehte, wie er begriff, was in ihm steckte. Wer einen Enkel hat, der ihn gekannt hat, ist nicht in dieser Nacht gestorben.

„Ich komme hier raus“, sagte er leise.

„Du kommst hier raus.“
Er setzte sich auf die Bretter. Einfach so, mitten in den Matsch. Er legte die Pistole neben sich und fing an zu zittern. Es war keine Kälte. Ich setzte mich neben ihn.

Bild: KI-generiert (LindenendProject)

„Ich habe gestern einen Brief an Gerda geschrieben“, sagte er nach einer Weile. „Für den Fall. Der Chef sammelt sie ein und gibt sie den Verwundeten mit, wenn noch ein Fahrzeug durchkommt.“
„Schick ihn ab“, sagte ich. „Sie soll wissen, dass du an sie gedacht hast. Aber sie wird dich auch selbst wieder in die Arme nehmen.“
Er nickte. Er nickte lange.
Wie es weitergeht, was Paul in dieser Nacht erzählt und was sein Enkel ihm über die Zukunft sagen muss, steht im Buch.
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Wer nach Krieg ruft, soll vorher den Wehrpass eines Großvaters lesen.
Hans-Jürgen Abts
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