Ein Zwiegespräch mit meinem Opa Paul Krause
Kessel von Tscherkassy, Ukraine, Abend des 16. Februar 1944
Vorbemerkung
Dieses Gespräch hat nie stattgefunden. Paul Krause hat gelebt. Seine Stationen stehen in seinem Wehrpass, und der Kessel, das Datum und die Zahlen sind belegt. Was er sagt und denkt, ist erfunden, in Anlehnung an ihn und an das, was Männer wie er später aufgeschrieben haben. Ich habe versucht, alles so wahr zu machen, wie ich kann.
Und noch etwas: Dieser Text zeigt den Krieg so, wie er war. Es ist nichts für einen leichten Abend. Es soll auch keiner sein.
Drei Uhr morgens
Es war kurz nach drei. Ich saß auf der englischen Ledercouch in meinem Wohnzimmer, der Kaffee neben mir war heiß, die Stehlampe brannte gelb. Auf meinen Knien lag ein Büchlein, so groß wie eine Hand, mit einer abgerissenen Ecke: der Wehrpass meines Großvaters.
Ich hatte den ganzen Abend darin gelesen. Einheiten, Daten, Stempel. Charkow. Dnjepr. Tscherkassy. Für mich waren das Wörter aus dem Geschichtsunterricht. Für den Mann, der sie erlebt hat, waren es Kälte, Hunger und Angst.

Bild: KI-generiert (LindenendProject)

Seite 34 las ich dreimal. 17.11.43. Splitter. Verblieb bei der Truppe. Darunter ein Stempel: Oberleutnant und Batteriechef.
Verblieb bei der Truppe. Vier Wörter. Er hätte ins Lazarett gehen können, vielleicht sogar nach Hause. Er blieb. Oder man ließ ihn nicht gehen. Der Pass verrät es nicht.
Ich klappte ihn zu. Und plötzlich roch es nach nasser Wolle, nach Diesel und kaltem Rauch. Dann war die Couch weg.
Das Loch
Ich stand bis zu den Knöcheln im Matsch. Es war finster. Aus dem Himmel fiel etwas, das Schnee sein wollte und im Fallen zu Wasser wurde. Hinter mir brannte irgendwo ein Haus, ein oranger Schimmer an den Wolken, und von weit her kam ein dumpfes Grollen, das nicht aufhörte. Kein Gewitter.
Und es stank. Das hatte mir kein Buch gesagt. Es stank nach Kot und nach nassem, verbranntem Holz, nach Petroleum und nach etwas Süßlichem, das ich nie zuvor gerochen hatte und doch sofort erkannte: Verwesung. Irgendwo in der Nähe lag ein Pferd, und es lag schon länger. Vielleicht lag dort auch mehr als ein Pferd.
Zwei Schritte vor mir war ein Loch im Boden, mit Brettern und einer Zeltbahn abgedeckt. Aus dem Loch schaute der Lauf einer Pistole.

„Halt. Hände hoch.“

Ich hob die Hände. In der rechten hielt ich immer noch den Wehrpass.

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„Wer bist du? Wo kommst du her? Du hast kein Koppel, keinen Helm … was ist das für ein Zeug?“
Ich trug Jeans, Winterjacke und Turnschuhe. Ich sah mich mit seinen Augen und verstand, wie das aussehen musste.
„Ich bin nicht dein Feind“, sagte ich. „Ich bin unbewaffnet.“
„Das sagen sie alle.“
Er kroch heraus, die Pistole vor sich. Eine 08, ich kannte sie aus seinem Pass, Seite 20, zwischen MG und Handgranate. Ein Mann im nassen Mantel, Mütze tief in der Stirn, das Gesicht grau und eingefallen, seit Tagen nicht rasiert. Ich kannte dieses Gesicht vom Foto auf Seite 2. glatt gescheitelt, Anzug, Einstecktuch. Es war dasselbe Gesicht, nur hatte der Krieg es angenommen und behalten.
Paul war dreiunddreißig. Er sah aus wie fünfundvierzig.
„Name?“
„Abts. Hans-Jürgen.“
„Abts. Kenn ich nicht. Welche Einheit?“
„Keine.“
„Dann bist du ein Spitzel.“
„Ich bin dein Enkel.“
Er lachte. Kurz und trocken, wie jemand, der seit Tagen nicht gelacht hat und es sofort bereut.
„Ich bin dreiunddreißig, Junge. Ich habe zwei Kinder. Bis ich einen Enkel habe, dauert es.“
Er musterte mein Gesicht, die grauen Haare, die Falten. Der Schneeregen tropfte von seinem Helmrand.
„Und du bist fast doppelt so alt wie ich“, sagte er langsam. „Wer bist du?“
„Du wurdest am 19. Mai 1910 in Rauscha bei Görlitz geboren“, sagte ich. „Dein Vater hieß Gustav und war Arbeiter. Du warst Bauarbeiter, bis sie dich am 15. Mai 1939 in Dortmund eingezogen haben. Artillerie, dann Sturmgeschütze. Seit dem 1. April 1943 bist du Unteroffizier.“
„Das steht in jedem Soldbuch.“
„Dann sage ich dir etwas, das in keinem Soldbuch steht.“
Ich nannte ihm einen Namen: den Namen seiner Tochter, meiner Mutter. „Marlies.“
Mehr nicht.
Die Pistole sank. Nicht ganz, aber sie sank.
„Woher …“, sagte er.
„Sie ist meine Mutter.“
Er sah mich lange an. Der Schneeregen lief ihm übers Gesicht. Er wischte ihn nicht weg.
„Wie viel Zeit ist zwischen uns?“, fragte er.
„Zweiundachtzig Jahre. Ich komme aus dem Jahr 2026. Ich bin zweiundsechzig.“
„Zweiundsechzig.“ Er rechnete. Ich sah, wie er rechnete. „Dann wäre ich hundertsechzehn.“
„Ja.“
„Dann bin ich tot.“
„Ja, Opa. Du bist lange tot. Aber ich habe dich noch gekannt.“
Er hörte den Satz. Ich sah, wie er ihn hörte, wie er ihn umdrehte, wie er begriff, was in ihm steckte. Wer einen Enkel hat, der ihn gekannt hat, ist nicht in dieser Nacht gestorben.

„Ich komme hier raus“, sagte er leise.

„Du kommst hier raus.“
Er setzte sich auf die Bretter. Einfach so, mitten in den Matsch. Er legte die Pistole neben sich und fing an zu zittern. Es war keine Kälte. Ich setzte mich neben ihn.

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„Ich habe gestern einen Brief an Gerda geschrieben“, sagte er nach einer Weile. „Für den Fall. Der Chef sammelt sie ein und gibt sie den Verwundeten mit, wenn noch ein Fahrzeug durchkommt.“
„Schick ihn ab“, sagte ich. „Sie soll wissen, dass du an sie gedacht hast. Aber sie wird dich auch selbst wieder in die Arme nehmen.“
Er nickte. Er nickte lange.
Der Beweis
„Zeig her“, sagte er dann und deutete auf das Büchlein. „Was hast du da?“
„Deinen Wehrpass. Er wird erst im Juni in Brühl ausgestellt. Heute existiert er noch gar nicht. Ich habe ihn in der Hand, und er ist zweiundachtzig Jahre alt.“
Er nahm ihn, drehte ihn um, blätterte. Seine Finger waren rot und steif. Er blieb bei der Seite mit dem Foto hängen.
„Das bin ich.“
„Ja.“
„Ich sehe aus wie ein Bankangestellter.“
„Du warst Bauarbeiter.“
„Ja.“ Er blätterte weiter. Seite 22, die Beförderungen. Seite 24, das Verwundetenabzeichen. Seite 34.
„Der Splitter“, sagte er. „Vor drei Monaten. Im Herbst, im Matsch bei Tscherkassy. Ein Fetzen Eisen, nicht größer als ein Daumennagel. Der Sani hat ihn mit der Pinzette rausgeholt, und der Chef hat gesagt: ‚Das reicht für das Abzeichen.‘ Ich habe gelacht. Er hat gefragt, was es da zu lachen gibt.“ Er schüttelte den Kopf. „Am Hintern. Ein Held, der nicht sitzen kann.“
Du hast uns Kindern diese Geschichte erzählt“, sagte ich. „Ohne die Stelle.“
„Ohne die Stelle?“
„Ohne die Stelle.“
Er lachte wieder, diesmal richtig. Dann blätterte er weiter und blieb an der letzten beschriebenen Seite hängen, dem Vermerk vom Mai 1945.

Entlassen am 9. Mai 1945 als Unteroffizier. Art der Entlassung: Kriegsende.
Er las den Satz. Seine Lippen bewegten sich. Er las ihn, glaube ich, fünfmal.
„Kriegsende“, sagte er. „Das schreiben sie da einfach hin.“
„Es ist nicht mehr weit, Opa. Noch ein Jahr und drei Monate.“
„Ein Jahr und drei Monate.“ Er klappte den Pass zu und gab ihn mir zurück. „Und wer gewinnt?“
Was ich weiß
Ich hätte ihn belügen können. Ich habe es nicht getan.
„Ihr nicht.“
„Der Führer …“, begann er, und ich hörte das alte Programm in ihm anspringen, die Sätze, die man ihm jahrelang eingetrichtert hatte.
„Er erschießt sich am 30. April 1945 in Berlin. Bis dahin hat der Krieg noch Millionen Menschen gekostet, weil man ihn nicht beenden wollte.“
„Und die Wunderwaffen?“
„Es gab welche. Sie haben nichts geändert.“
Er sah in die Dunkelheit. Weit weg schlug etwas ein, und der Boden zitterte.
„Ich muss dir noch etwas sagen“, sagte ich. „Du wirst es nicht hören wollen.“
„Sprich.“
„Ihr habt euch nicht verteidigt. Ihr seid 1941 in ein Land eingefallen, das euch nichts getan hatte. Du stehst hier, tausendfünfhundert Kilometer von zu Hause.“
„Man hat uns gesagt, der Russe wollte uns überfallen.“
„Man hat euch belogen.“

„Und du sitzt zweiundachtzig Jahre später auf einer Couch und weißt alles besser“, sagte er, plötzlich hart. „Du hast hier nicht gelegen, Junge. Du weißt nicht, wie das ist, wenn der Nebenmann nicht mehr aufsteht.“

„Das stimmt“, sagte ich. „Ich hab nicht hier gelegen. Ich will dich nicht verurteilen. Ich will nur, dass du weißt, was ich weiß.“
Er schwieg. Ich sagte es trotzdem, weil sonst alles andere nichts wert war.
„Die Dörfer, in denen du Quartier gemacht hast. Die jüdischen Nachbarn, die vor dem Krieg dort gelebt haben, gab es 1943 nicht mehr. Die meisten sind schon 1941 und 1942 erschossen worden, in Gruben, am Ortsrand. In Kiew, in der Schlucht von Babyn Jar, waren es in zwei Tagen fast vierunddreißigtausend. Sechs Millionen Juden insgesamt. Und auf der anderen Seite ist ungefähr siebenundzwanzig Millionen Sowjetbürgern das Leben genommen worden, Soldaten und Zivilisten.“
„Davon habe ich nichts gewusst.“
„Vielleicht nicht alles.“
Er sagte lange nichts. Dann sagte er sehr leise: „Ich habe gekocht. Ich habe Munition getragen. Ich habe geschwiegen.“
„Ich weiß, Opa. Das ist es, was ich dir erzählen wollte. Nicht, dass du ein Verbrecher warst. Das kann ich nicht wissen, und ich behaupte es nicht. Aber ich weiß, dass du gehorcht hast. Und dass das reicht, um so einen Krieg möglich zu machen.“
Die Scheune
Er stand auf, ohne ein Wort. Er nahm den Karabiner und sah mich an.
„Komm mit“, sagte er. „Ich muss nach jemandem sehen. Und du hast gesagt, du willst wissen, was ich weiß.“
Wir gingen durch den Matsch, geduckt, an einer Mauer entlang, von der nur noch die Hälfte stand. Bei jedem Schritt zog der Boden an den Schuhen, als wolle er uns behalten. Ich sah Fahrzeuge im Dunkeln, Umrisse ohne Räder, tief im Schlamm eingesunken. Ein Lastwagen. Ein Geschütz. Ein Pferdewagen, die Deichsel schräg in der Luft. Das Pferd davor lag auf der Seite. Sein Bauch war aufgerissen. Ein Mann in Uniform hockte daneben und hielt das Halfter, als könnte er es noch führen.

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„Was im Schlamm stecken bleibt, wird beschossen. Die Tiefflieger und die Granaten holen sich alles, was nicht mehr wegkommt“, sagte Paul, ohne hinzusehen. „Die Pferde haben es nicht besser als wir.“
Dann kam die Scheune. Ein langes, niedriges Gebäude, das Dach zur Hälfte weg. Vor der Tür ein Stück Zeltbahn. Paul schob sie beiseite.
Der Geruch schlug mir entgegen, bevor ich etwas sah. Blut, Eiter, Urin, Kot, nasses Stroh, kalter Rauch. Ich hielt mir den Ärmel vor die Nase. Paul tat es nicht. Er war seit Tagen in diesem Geruch.
Der Raum war voller Menschen. Sie lagen auf dem Boden, auf Stroh, auf Türen, auf Brettern, dicht an dicht, in ihren Mänteln, mit den Stiefeln an den Füßen, viele in Decken, viele ohne. Eine Kerze, in eine Konservendose gesteckt, warf ein wackeliges Licht. Ich zählte nicht. Ich hätte es nicht gekonnt.
Einer hatte keinen Unterschenkel mehr. Man hatte ihm den Stumpf mit Zeltbahn und Draht abgebunden, und durch den Stoff kam es dunkel und langsam nach. Einer hielt sich den Bauch mit beiden Händen und sah zur Decke, mit weit offenen Augen, und bewegte die Lippen. Einer hatte kein Gesicht mehr, nur einen Verband, der an einer Stelle nass war, und darunter ein Loch, aus dem er atmete. Ein Junge, kaum älter als achtzehn, lag neben der Tür und zitterte am ganzen Körper. Die Zähne schlugen ihm aufeinander wie ein Uhrwerk. Seine Füße waren schwarz. Sie waren erfroren. Man hatte ihm die Stiefel aufgeschnitten, um sie überhaupt herunterzubekommen, und jetzt lagen sie nackt in der Kälte, weil es nichts mehr gab, womit man sie hätte verbinden können.
„Wasser“, sagte jemand. Er sagte es immer wieder, gleichmäßig, wie ein Kind, das etwas auswendig lernt. „Wasser. Wasser.“
„Er darf nicht“, sagte Paul leise. „Bauchschuss. Wenn er trinkt, stirbt er schneller. Und wenn er nicht trinkt, auch.“
Einer weiter hinten schrie. Nicht laut, es war schon zu viel Kraft aus ihm heraus. Es war ein hohes, brüchiges Winseln, ohne Wörter. Dann rief er doch ein Wort. „Mama.“
Ich wollte hinaus. Ich schaffte es nicht. Meine Beine gehorchten nicht.
Paul kniete sich neben einen Mann in der dritten Reihe. Ein kräftiger Kerl, dachte ich, bis ich sah, dass die Decke da zu flach lag, wo Beine hätten sein müssen.
„Anton“, sagte Paul.
Der Mann drehte den Kopf. Seine Lippen waren aufgesprungen. Er sah Paul an, dann mich, dann wieder Paul.

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„Bringst du Besuch?“
„Einen Verwandten. Aus der Heimat.“
„Aus der Heimat“, wiederholte Anton und lächelte, als hätte man ihm ein Stück Kuchen versprochen. „Schön. Sag ihm, er soll meiner Frau schreiben. Hanna heißt sie. Ich bin im Streit von zu Hause weg, wegen einer Kleinigkeit, und wir haben uns nicht mehr versöhnt. Sag ihr, dass es mir leidtut.“
„Du sagst es ihr selbst.“
„Paul.“ Anton hob die Hand ein paar Zentimeter und ließ sie wieder sinken. „Seit gestern kommt kein Wagen mehr. Ich hab mitgezählt. Wir sind vierzehnhundert, heißt es. Sie haben gesagt, sie schicken Fahrzeuge. Sie schicken keine Fahrzeuge.“
Paul schwieg.
„Ich hab keine Angst mehr“, sagte Anton. „Das ist das Komische. Am Anfang hatte ich Angst. Jetzt ist da nur noch Kälte. Gib mir die Pistole, wenn ihr geht. Ich will nicht hier liegen, wenn sie kommen.“
„Nein.“
„Paul.“
„Nein. Ich lasse sie dir nicht da.“
„Dann bitte einen, der es kann.“ Anton sah ihn an, ganz ruhig. „Ich verlange nicht, dass du es tust. Aber ich will nicht in die Hände von denen fallen, die kommen. Die Russen werden nicht gnädig sein. Wir waren es auch nicht.“
Ich habe in meinem Leben nichts gehört, das mich so getroffen hat wie diesen letzten Satz. Wir waren es auch nicht.
Paul stand auf. Er zog die Zeltbahn wieder zurecht, die Anton bis zum Kinn gerutscht war, und deckte ihn zu, sorgfältig, wie man ein Kind zudeckt. Dann ging er hinaus, und ich ging hinter ihm her.
Draußen lehnte er sich an die Mauer und atmete lange, ohne etwas zu sagen. Der Schneeregen fiel auf sein Gesicht. Ich sah, dass er weinte. Er sah, dass ich es sah, und wischte sich nicht über die Augen.
„Das steht nicht im Pass“, sagte er.
„Nein.“
„Vor dem Krieg“, sagte er, „habe ich Fundamente gegossen. Ich habe Häuser gebaut, Stein für Stein, und gewusst, dass sie stehen, wenn ich schon tot bin. Jetzt sehe ich jeden Tag, wie schnell man alles einreißt. Ein Haus in zehn Minuten. Ein Mann in zehn Sekunden.“ Er sah mich an. „Sag es den Jungen, wenn du kannst. In den Büchern sieht man den Krieg von oben: Karten, Pfeile, Divisionen, die vorstoßen. Von unten sieht er anders aus. Da ist kein Pfeil. Da ist ein Mann, der Wasser will und keins bekommt.“

 Was andere aufgeschrieben haben
Wir gingen zurück zum Loch. Er sagte lange nichts, und ich auch nicht.
„Sag mir, wie es weitergeht“, sagte er schließlich. „Heute Nacht. Ich muss um elf los.“
„Willst du das wirklich wissen?“
„Ich bin Unteroffizier. Ich muss meinen Männern sagen, wohin es geht. Ich weiß es. Nach Südwesten, sieben Kilometer, über einen Fluss, auf ein Dorf zu, das Lyssjanka heißt. Aber ich will wissen, was uns erwartet.“

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Ich erzählte ihm, was ich gelesen hatte. Nicht meine Worte, sondern die der anderen.
Ich erzählte ihm von dem Hauptmann der 198. Division, der später aufschrieb, wie die russischen Raketenwerfer heulten. Wie er und seine Männer ein paar Sekunden hatten, um in einen Graben zu springen, den sie mit Balken, Erde und Heu abgedeckt hatten. Und wie von der Hütte, die sie eben verlassen hatten, ein paar Minuten später nur Fetzen übrig waren.
Ich erzählte ihm von dem Unteroffizier der Luftwaffe, der mit seiner Ju 52 im Kessel gelandet war, weil sie Nachschub bringen sollten. Die Maschine sackte bis zu den Achsen in den Schlamm, und sie kamen nicht mehr weg. Alle zehn Minuten kamen sowjetische Tiefflieger, und er lag in den Tagen so oft auf dem Bauch wie noch nie in seinem Leben.
„Der hat gut reden“, sagte Paul. „Der ist wenigstens geflogen.“
„Er ist nicht geflogen, Opa. Er saß fest. Wie ihr.“
Ich erzählte ihm von dem Gefreiten der 72. Division, der schon Sewastopol überlebt hatte. Sein Sohn hat es Jahrzehnte später erzählt: Sein Vater habe den Kessel nur durch eine unglaubliche Kette von Zufällen überlebt.
Ich erzählte ihm von den Schwerverwundeten. Es gab Tausende, die in Schanderowka liegen bleiben mussten, weil keine Fahrzeuge mehr kamen, weil der Schlamm alles verschluckt hatte. Nach deutschen Berichten hat man bei einer Division allein etwa 1500 zurückgelassen, und nach denselben Berichten wurden sie getötet, als die Rotarmisten ankamen.
Er sagte nichts. Er hatte sie eben gesehen.
„Also Anton“, sagte er dann.
„Ich habe ihn gesehen, Opa. Ich werde sein Gesicht nicht vergessen. Aber die anderen in der Scheune kenne ich nicht, und die Tausende in Schanderowka auch nicht. Sie hatten alle einen Namen.“
Und ich erzählte ihm auch das: dass ein deutscher General später beschrieben hat, wie morgen, am Vormittag, die sowjetische Kavallerie mit gezogenen Säbeln angriff, Reiter gegen Panzer, und wie seine Männer mit allem auf sie schossen, was sie hatten. Dass danach das Feld aussah, wie ein Feld nach einem Sturm aussieht, nur dass die Halme Menschen waren und Pferde. Dass die Rote Armee in den drei Wochen der ganzen Schlacht, nach ihren eigenen Angaben, über achtzigtausend Mann verlor, gefallen, verwundet oder vermisst. Nicht in dieser einen Nacht, aber es sind dieselben Wochen, und es sind auch Söhne.
„Die haben auch Mütter“, sagte ich.
„Ich weiß“, sagte er. „Ich habe im Sommer einen von ihnen gesehen, in einem Graben, ein Junge. Fünfzehn, sechzehn vielleicht. Er hat nach seiner Mutter gerufen, auf Russisch. Das versteht man auch ohne die Sprache.“ Er brach ab. „Sag du mir lieber, wie viele von uns es schaffen.“
„Nach deutschen Angaben kommen etwa vierzigtausend durch. Um die neunzehntausend bleiben tot oder in Gefangenschaft. Von den rund sechsundfünfzigtausend, die im Kessel eingeschlossen sind. Die Zahlen sind auf beiden Seiten nie ganz dieselben. Der General, der euch führt, Stemmermann, fällt in dieser Nacht.“
„Der Alte?“
„Ja.“
Er nickte, als hätte er es geahnt.
„Der Fluss heißt Gniloi Tikitsch“, sagte ich. „Er ist nicht breit, aber das Wasser ist eiskalt, und die Ufer sind glatt. Manche ertrinken. Sie ziehen die Mäntel nicht aus, weil sie frieren, und die Mäntel saugen sich voll und ziehen sie hinunter. Andere lassen ihre Verwundeten am Ufer zurück, weil sie es nicht schaffen, sie hinüberzuziehen, und hören sie noch lange rufen. Bleib nicht stehen. Wer stehen bleibt, geht unter. Und am anderen Ufer sind noch einmal russische Stellungen.“
„Woher weißt du das alles?“
„Von den Männern, die es überlebt und später aufgeschrieben haben.“
„Warum sagst du mir das? Wenn ich es weiß, ist es vielleicht schlimmer.“
„Weil ich wollte, dass du weißt, dass du nicht allein Angst hast. Alle haben sie.“
Die Küche
Er zog aus der Manteltasche ein Stück hartes, dunkles Brot. Er brach es in zwei Teile und gab mir die größere Hälfte.
„Iss. Du siehst aus, als hättest du seit Tagen nichts gehabt.“
„Ich hatte gestern Abend Nudeln.“
„Nudeln.“ Er kaute. „Ich bin bei der Küche, weißt du. Nicht bei den Geschützen. Das haben sie dir bestimmt erzählt.“
„Ja. Ich glaube, es steht sogar in deinem Pass. Ich bin nicht sicher.“
„Küche in der Stabsbatterie heißt: Du kochst, wenn es ruhig ist. Und wenn es nicht ruhig ist, schleppst du Munition und Verwundete. Heute Nacht kocht keiner. Die Gulaschkanone steht im Schlamm und wird zurückbleiben, wie alles, was Räder hat.“ Er wischte sich die Finger am Mantel ab. „Ich habe zwei Kinder zu Hause. Ich habe mir immer gesagt: Wer für andere kocht, kann nicht so schlecht sein.“
„Du warst nicht schlecht, Opa.“
„Sag das nicht. Du weißt es nicht.“
„Nein“, sagte ich. „Du hast recht. Ich weiß es nicht.“
Wir kauten eine Weile schweigend. Der Boden zitterte alle paar Sekunden. Dann sagte er, ohne mich anzusehen:
„Im Herbst, beim Rückzug, hatten wir den Befehl, nichts stehen zu lassen. Verbrannte Erde. Kein Haus, keine Scheune, kein Vorrat, nichts, was der Russe nutzen kann. Ich habe keinen Kanister getragen. Ich habe Streichhölzer angereicht.“ Er sah auf seine Hände. „Eine Frau stand da, mit zwei kleinen Kindern, vor ihrem Haus. Sie hat nicht geschrien. Sie hat nur dagestanden und zugesehen, wie es brannte. Das war das Schlimmste. Dass sie nicht geschrien hat.“

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„Es war Winter“, sagte ich.
„Es war Oktober. Aber sie hatte keinen Ofen mehr, und es wurde kalt.“
Er sagte es ohne Vorwurf und ohne Bitte um Verzeihung. Es war einfach da, zwischen uns, wie das Stück Brot.
„Warum erzählst du mir das?“
„Weil du gefragt hast, ob ich schlecht war. Ich habe nicht geschossen. Aber ich habe angereicht. Sag mir, was das ist.“
Ich hatte keine Antwort. Ich habe auch heute keine.

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Die andere Seite
„Weißt du, was das Seltsame ist“, sagte er nach einer Weile. „Der Junge im Graben, im Sommer. Ich habe ihn nicht erschossen. Er war schon halb tot. Ich habe ihm meine Feldflasche hingehalten. Er hat mich angesehen. Nicht mit Hass. Er hat nicht verstanden, was ich will. Er hat getrunken, und dann ist er gestorben, mit meinem Wasser im Bauch.“
Er schwieg.
„Und im Winter davor, in einem Dorf, hat mir eine alte Frau Milch gegeben. Die hatte selbst nichts. Sie hat gesagt: ‚Du bist auch jemandes Sohn.‘ Das habe ich verstanden, ohne dass jemand übersetzt hat.“
„Ich glaube, das ist der Kern von allem, Opa“, sagte ich. „Sie ist jemandes Mutter, er ist jemandes Sohn. Man muss den Leuten so lange einreden, dass der andere kein Mensch ist, bis man auf ihn schießen kann. Ohne das funktioniert kein Krieg.“
„Wir mussten sie Iwan nennen“, sagte er. „Nie Menschen. Iwan hat geschossen, Iwan ist gekommen, Iwan ist tot. Man hat mich erst später gefragt, ob ich weiß, wie er wirklich hieß.“
„Und weißt du es?“
„Ich habe seinen Namen nie erfahren.“ Er zuckte mit den Schultern, aber es war ein kaputtes Schulterzucken. „Er hätte Sascha heißen können. Oder Wassili. Oder Grigori. Irgendwas, das eine Mutter ruft.“
„Ich habe Männer getroffen, die so hießen“, sagte ich. „Und Männer, die anders hießen. Männer, die ganz anders heißen und ganz anders beten. Ich kann dir von ihnen erzählen, wenn du willst. Wir haben ja noch Zeit.“
„Wie viel?“
„Bis elf.“
Er sah in die Dunkelheit, die um uns herum atmete.
„Dann erzähl.“
Und was ist aus uns geworden?
„Aber erst von zu Hause“, sagte er. „Erzähl, was aus Deutschland wird.“
Ich erzählte es ihm. Trümmer. Hunger. Flüchtlinge aus Schlesien, aus seiner Heimat, die es so nicht mehr gibt. Wiederaufbau. Ein Land, das sich Jahrzehnte lang nicht wagte, den Namen dessen auszusprechen, was es getan hatte. Dann Wohlstand. Dann Mauer, dann keine Mauer mehr.
Ich erzählte ihm auch von den Männern, die zurückkamen. Von den Vätern, die im Wohnzimmer saßen und nichts sagten. Von den Händen, die zitterten, wenn ein Topf zu Boden fiel. Von Männern, die nachts schrien und morgens Kaffee kochten, als wäre nichts gewesen. Von denen, die einen Ärmel leer in die Tasche steckten. Von den Kindern, die wussten: Über das, was Papa erlebt hat, fragt man nicht. Es gab ein Schweigen, das durch ganze Familien ging und dessen Ende die meisten nie erlebten.
„Bei uns zu Hause hat man auch geschwiegen“, sagte ich. „Ich habe dich nie danach gefragt. Ich war ein Kind. Und später, als ich es hätte tun können, warst du nicht mehr da.“
„Vielleicht hätte ich es dir nicht gesagt.“
„Vielleicht nicht. Aber ich hätte gefragt.“
Er nickte, langsam, wie jemand, der etwas Schweres abstellt.
„Ich lebe noch immer am Rand des Braunkohle-Tagebaus, wie du später auch“, sagte ich. „Ich arbeite in der Instandhaltung eines Chemiewerks, seit ich sechzehn war. Über fünfundvierzig Jahre. Drei Jahre muss ich noch hin. Es macht mir keinen Spaß mehr. Aber ich stehe morgens auf, und ich gehe hin.“
„Ein Arbeiter“, sagte er. „Wie ich.“
„Wie du.“
„Und daneben?“
„Ich reise. Wenn ich kann. Ich habe mir irgendwann gesagt: Ich will die Welt nicht aus dem Fernsehen kennen. Ich will die Menschen sehen, von denen sie mir erzählen, dass sie mir Angst machen sollen.“
Menschen
„Und?“, sagte er. „Haben sie dir Angst gemacht?“
„Nein. Nicht ein einziges Mal. Das ist das, was ich dir sagen will.“
Er lehnte sich gegen die Bretter. Ich holte Luft.
„Ich bin viel gereist, Opa. Seit ich jung war. Nach Afrika, nach Sri Lanka, nach Bali und Sumatra, nach Costa Rica, in die Türkei, nach Venezuela, zuletzt über Landstraßen durch Frankreich. Ich habe Menschen getroffen, die anders glauben als ich, die anders beten, anders heißen, andere Sprachen sprechen. Hindus, Muslime, Christen, Buddhisten, Leute, die an gar nichts glauben. Ich habe viele Menschen getroffen, Opa. Und ich habe es nicht ein einziges Mal erlebt, dass mich einer hassen wollte, nur weil ich von woanders kam.“
„Nicht einmal?“
„Man hat mich eingeladen. Man hat mir zu essen gegeben, obwohl sie selbst wenig hatten. Man hat mir den Weg gezeigt, wenn ich mich verlaufen hatte. Man hat mit Händen und Füßen mit mir geredet, weil wir keine gemeinsame Sprache hatten, und wir haben uns trotzdem verstanden.“
„Was wollten sie?“
„Alle dasselbe. Ein schönes Leben. Dass die Kinder gesund groß werden. Dass die Ernte reicht, dass das Dach dicht ist, dass abends jemand nach Hause kommt. Frieden, für sich und für ihre Kinder. Egal, welche Religion, egal, welches Land. Es klingt einfach, und es ist einfach. Ich habe auf all diesen Reisen keinen getroffen, der Krieg wollte.“
Er sah mich an, wie ein Mann, der ein Märchen hört und nicht sicher ist, ob er lachen soll.
„In Costa Rica gibt es seit 1948 keine Armee mehr“, sagte ich. „Das Geld, das andere Länder für Panzer ausgeben, geben sie für Schulen aus. Und das Land lebt. Nicht perfekt, es gibt auch dort Sorgen. Aber es gibt Kinder, die nie eine Uniform tragen, und Väter, die abends nach Hause kommen.“
„Keine Armee“, sagte Paul, als hätte ich gesagt: kein Himmel.
„Krieg wollen immer nur ein paar wenige“, sagte ich. „Und sie schicken die anderen los.“
„Wie uns“, sagte er.
„Wie euch.“
Er schwieg lange. Ganz weit weg schlug es ein, und die Bretter unter uns zitterten.
„Ich hätte so etwas gern gesehen“, sagte er. „Ein Land ohne Armee.“ Er lächelte müde. „Ich habe nie eine Ananas gegessen.“
Er lachte, und dann sagten wir beide nichts mehr.
„Ich hab auch noch eine Enkelin“, sagte ich dann. „Das heißt, du hast eine. Eine Ururenkelin.“
„Eine was?“
„Deine Tochter hat mich zur Welt gebracht. Ich habe zwei Kinder, und mein Sohn hat mich zum Opa gemacht. Sie ist noch klein.“
Er sah mich an. Er sah mich sehr lange an.
„Ich wäre …“
„Ururgroßvater.“
„Ururgroßvater“, sagte er, als würde er ein Wort in einer fremden Sprache üben. Dann lachte er, und dann war da doch wieder das Zittern.

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Die Sorge
„Und heute? Habt ihr Frieden?“
„Wir hatten Frieden. Fast achtzig Jahre. Bei uns, in Deutschland. Nicht überall.“
„Aber jetzt?“
Ich zögerte. Er sah es.
„Sprich.“
„Ich habe Angst, Opa. Ich höre wieder Sätze, die ich nie hören wollte. Politiker sagen, wir müssten ‚kriegstüchtig‘ werden. Es wird von Wehrpflicht geredet. Von Aufrüstung. In den Fernsehsendungen sitzen Männer, die nie ein Loch gegraben haben, und reden über Divisionen wie über eine Fußballaufstellung. Sie sagen ‚Feind‘, als wäre es ein Wort wie jedes andere.“
„Wer greift an?“
„Russland ist im Februar 2022 in die Ukraine einmarschiert. Genau in das Land, in dem du gerade stehst. Charkiw, Krementschuk, Tscherkassy, Kirowohrad: Diese Orte werden heute wieder beschossen, mit Raketen und Drohnen. Diesmal von der anderen Seite. Aber die Geschichte fing nicht an diesem Tag an. Beide Seiten haben sich über Jahre gegenseitig provoziert. Die einen haben ihren Einfluss immer weiter nach Osten geschoben, die anderen haben gedroht, aufgerüstet und 2014 schon einmal zugegriffen. Jeder hat dem anderen die Schuld gegeben und sich selbst für den Verteidiger gehalten.“
„Wer hat den ersten Schuss abgegeben?“, fragte Paul. „Das wird man doch wissen.“
„Geschossen hat Russland. Das bestreite ich nicht. Aber ich glaube, dass es darum nur am Rand ging. Es geht ums Geld, Opa. Um Bodenschätze, um Öl und Gas, um Getreide, um Pipelines, um Häfen, um Einfluss. Und es brodelt ja nicht nur dort. Amerika, Iran, Israel: Überall wird gezündelt, überall wird an einem Hebel gedreht. Die Menschen sind gierig geworden. Wer sich verteidigt und wer sich nur bedient, kann man vom Graben aus nie sagen. Ich glaube, dass es darum geht, und dass sie uns dafür wieder vorschicken wollen, wie euch damals.“
„Und du willst, dass wir nichts tun?“, fragte er.
„Nein. Wer angegriffen wird, darf sich wehren. Ich bin kein Träumer. Aber ich habe Angst, dass wir uns Schritt für Schritt in etwas hineinreden, aus dem wir nicht mehr herauskommen. Dass wir aufmarschieren, Feindbilder bauen und ‚Hurra‘ rufen, und dass die, die an dem Krieg verdienen, dabei am Tisch sitzen und lächeln, während wir im Matsch liegen.“
„Wir dachten auch, wir verteidigen uns“, sagte er leise.
„Genau das. Darum musst du immer fragen, wer angefangen hat. Und immer fragen, wer dir sagt, dass du dich verteidigen musst, und was er davon hat. Du hast gehorcht, Opa, weil man dir gesagt hat, es sei richtig. Ich bin zweiundsechzig, ich habe eine Enkelin, und ich will nicht gehorchen müssen, weil man mir sagt, es sei richtig.“
„Und wenn der Russe kommt?“
„Dann sollen die, die entscheiden, vorher selbst in Kellern und in Gräben gelegen haben. Wer nach Krieg ruft, soll ihn aus der Nähe erlebt haben. Ich glaube, dann würde kaum einer mehr danach rufen.“
Er nickte langsam, wie einer, der schon sehr müde ist von dem, was er hört.
„Und wie sieht er aus, euer Krieg?“, fragte er. „Ist es besser geworden? Mit all euren Maschinen?“
Ich dachte an Bilder, die ich gesehen hatte. Ich wollte nicht lügen.
„Er ist nicht besser geworden. Er ist genauer geworden. Es gibt kleine Maschinen, die fliegen wie Hornissen und finden dich im Graben. Die Männer dort können sich nicht mehr verstecken, nicht im Wald, nicht im Keller. Sie leben monatelang unter der Erde, im Schlamm, genau wie du, und über ihnen summt es. Es gibt Städte, die aussehen wie das Haus hinter uns. Es gibt Kinder, die nicht mehr wissen, wie ein Himmel ohne Explosionen klingt. Es gibt Mütter, die ihre Söhne auf Handybildern wiedererkennen müssen, weil nichts anderes von ihnen übrig ist. Die Uniformen sind andere. Aber der Junge im Graben, der nach seiner Mutter ruft, ist derselbe geblieben.“
Paul sagte nichts. Es war das Schweigen eines Mannes, der weiß, dass ihm gerade gesagt worden ist, dass sein ganzes Elend nichts verändert hat.
„Du redest wie einer, der lange darüber nachgedacht hat“, sagte er schließlich.
„Nachts. Da liege ich wach und denke nach. Die meisten Gedanken sind nur Ideen und sind am Morgen wieder weg. Manche bleiben.“
„Du bist gesund?“
„Nicht ganz. Mein Herz macht Ärger, da ist etwas am Aortenbogen meines Herzens, das nicht dort sein sollte. Aber ich frage mich: Pflegt man seine Krankheit, oder lebt man? Sterben tun wir alle, und das nur einmal.“
„Bei uns sterben die Gesunden“, sagte Paul. „Wenn du in ein paar Stunden am anderen Ufer liegst, ist es ganz gleich, wie dein Herz aussah.“
Aufbruch

Bild: KI-generiert (LindenendProject)

Irgendwo im Dunkeln rief jemand seinen Namen. „Krause! Unteroffizier Krause!“
Er stand auf. Er setzte die Mütze gerade, steckte die Pistole ein und schulterte den Karabiner. Er war wieder der Soldat. Nur seine Augen waren anders.
„Sie brauchen mich“, sagte er.
„Ich weiß.“
„Kommst du mit?“
„Ich kann nicht. Ich bin nur hier, um dir etwas zu sagen.“
„Was?“
„Dass du überlebst. Dass du es schaffst. Und dass ich dich gekannt habe. Bei euch zu Hause war ich ein Kind, das sich nicht beweisen musste. Das war der einzige Ort, an dem das so war.“
Er sah mich an, ohne zu blinzeln.
„Ich habe mich immer beweisen müssen“, sagte er. „Und ich habe nie gewusst, wie man es anders macht.“
„Man kann nur vermitteln, was man selbst kennt“, sagte ich. „Meine Eltern haben es genauso gemacht. Ich gebe niemandem die Schuld.“
„Und trotzdem hast du es anders gemacht.“
„Ich glaube nicht, dass ich es besser gemacht habe. Aber ich habe es versucht.“
Er nickte. Dann hob er die Hand und legte sie kurz an mein Gesicht, mit derselben Hand, die die Pistole gehalten hatte. Sie war rau und eiskalt.
„Du hast dich oft fremd gefühlt, nicht wahr?“, sagte er. „Unter Leuten, zu denen du nicht recht passt. Als wärst du komisch.“ Er schüttelte den Kopf. „Du bist nicht komisch, Junge. Wer am falschen Ort ist, wirkt nur komisch.“
Ich schluckte. Ich hatte ihm nie erzählt, wie oft ich mich fremd gefühlt habe. Ich hatte es in keinem Gespräch gesagt. Aber er hatte es ausgesprochen, als wüsste er es schon immer.
„Sag deiner Enkelin“, sagte er, „sie soll den Mund aufmachen, wenn etwas falsch ist. Auch wenn alle anderen schweigen.“
„Das sage ich ihr.“
„Und sag ihr, sie soll tun, was ihr Freude macht. Und sich nicht von anderen abhängig machen.“
„Das steht schon auf meiner Liste.“
Er lächelte. Zum ersten Mal, richtig.
„Und noch etwas“, sagte er. „Wenn du zurückkommst und jemand fragt dich, wie es war … Sag die Wahrheit. Auch die Scheune. Auch Anton. Nicht die von oben, mit den Pfeilen auf der Karte. Sag es so, dass die Jungen es nicht mehr wollen. Nicht aus Angst vor dem Feind. Aus Angst vor dem, was sie selbst dort tun würden.“
„Das sage ich ihnen.“
„Dann geh jetzt“, sagte er. „Geh, bevor ich meine Meinung ändere und dich doch für einen Spitzel halte.“
Er drückte mir den Rest seines Brotes in die Hand, drehte sich um und ging in die Dunkelheit, in den Schneeregen, zu den anderen, die sich in Gruppen sammelten, bereit, in einer Stunde lautlos loszumarschieren.
Ich sah ihm nach, bis ich ihn nicht mehr sah.

„Lauf über den Fluss, Opa“, sagte ich in die Finsternis. „Bleib nicht stehen.“

Bild: KI-generiert (LindenendProject)

Es war kurz nach drei.
Ich saß auf der Ledercouch, der Kaffee war kalt, die Lampe brannte gelb.
Auf meinem Tisch lag der Wehrpass, immer noch aufgeklappt.
Ich hatte Matsch an den Schuhen. Er tropfte auf den Teppich.
In meiner rechten Hand hielt ich ein Stück hartes, dunkles Brot.
Ich habe es nicht gegessen. Es liegt jetzt neben dem Pass.

Bild: KI-generiert (LindenendProject)

Bild: KI-generiert (LindenendProject)

Nachwort: Für die, die wieder in den Krieg ziehen wollen
Wer nach Krieg ruft, soll vorher den Wehrpass eines Großvaters lesen.
Nicht das Buch eines Generals. Nicht die Rede eines Politikers. Den Pass eines Mannes, der Bauarbeiter war und Küchenunteroffizier wurde, der vom 15. Mai 1939 bis zum 9. Mai 1945 jeden Tag befohlen bekam, was er zu tun hatte, und der nie gefragt wurde, ob er es wollte.

Seite 34 handelt von einem Splitter. Seite 26 von einem Wort: Kriegsende. Dazwischen liegen sechs Jahre, von denen keine Seite erzählt.

Sie erzählen nicht von dem Geruch. Nicht von dem Jungen mit den schwarzen Füßen, nicht von dem Mann, der um Wasser bat und keines bekam. Nicht von der Frau, die vor ihrem brennenden Haus nicht schrie. Auf der Karte eines Generals ist ein Krieg ein Pfeil. Von unten ist er ein Mann mit einem Namen, einer Mutter und Schmerzen.

Mein Opa hat überlebt. Deshalb gibt es mich. Von den Männern, die neben ihm in diesem Kessel standen, hat es nicht jeder geschafft. Auf beiden Seiten nicht.

Ich habe auf meinen Reisen Menschen getroffen, die anders glauben, anders beten, anders heißen als ich, und die alle das Gleiche wollten wie ich: in Frieden leben. Es gibt mehr von uns als von denen, die den Krieg wollen. Wir müssen nur lauter sein, bevor es zu spät ist.

Vergesst das nicht. Und lasst euch nicht sagen, dass ihr euch verteidigt, ohne selbst nachzufragen, wer angefangen hat.

Hans-Jürgen Abts
Oktober 2026
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