Else Ernestine Neuländer-Simon, Public domain, via Wikimedia Commons
Es gibt Bilder, die einen packen. Solche, bei denen man sofort spürt,hier hat jemand nicht nur auf den Auslöser gedrückt,sondern etwas gewagt. Das Gesicht der Frau in der Aufnahme ist weich, fast zerbrechlich – doch in diesem Blick steckt eine Kraft, die man nicht beschreiben kann. Die Fotografien von Yva sind genau das. Beim Betrachten vergisst man fast, dass sie vor knapp hundert Jahren entstanden sind. Sie wirken so natürlich und lebensnah.
Else Neuländer-Simon, später Yva genannt, wurde 1900 in Berlin geboren. Jüngstes von neun Kindern. Mit 25 Jahren stand sie bereits in ihrem eigenen Atelier. In einer Zeit, in der Mode und Werbung noch überwiegend gezeichnet wurde, brachte sie die Fotografie in diese Welt hinein. Und das nicht brav und glatt wie ihre Zeitgenossen, sondern mutig. Fast zu mutig.
Sie belichtete eine einzige Platte bis zu sieben Mal. Langsam, achtsam. Sie ließ Motive ineinanderfließen. Ein Fenster, der Schatten eines Baumes, das flüchtige Lächeln einer Passantin. Bilder entstanden, die wie Träume wirkten, klar genug, um greifbar zu sein, verschwommen genug, um geheimnisvoll zu wirken.
Sie spielte mit Licht und Schatten, mit ungewöhnlichen Perspektiven, mit einer Eleganz, die nie gefällig wurde. Man hörte ihre Gedanken, spürte ihre Bewegung. Sie erzählte ihre Bilder auch in Folgen, in Sequenzen, die man fast so nennen könnte wie die ersten Fotostories. Sie bildete junge Menschen aus, gab ihnen feine Korrekturen für ihre eigene Geschichte mit. Für mich war das die Fotografie, wie sie sein sollte. Sie suchte nicht nur den Augenblick, sondern gestaltete ihn.
Yva, Schwarzes Abendkleid aus Crepe-Satin, 1925–1938. Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Inv.-Nr. P1995.179, Public Domain
Mehr Fotos von Yva gibts hier: Deutsche Digitale Bibliothek
Zu diesen jungen Menschen gehörte ein Berliner Junge namens Helmut Neustädter. 1936, mit 16 Jahren, betrat er ihr Atelier zum ersten Mal. Seine Familie war jüdisch, und als Yva 1938 ihr Berufsverbot erhielt, war auch für ihn die Zeit in Deutschland vorbei. Er bekam es mit der Angst zu tun als Polizisten das Atelier besuchten. Im Dezember desselben Jahres verließ er das Land. Über Singapur nach Australien, ein Wagnis in eine fremde Welt. Später nannte er sich Helmut Newton und wurde einer der berühmtesten Fotografen des 20. Jahrhunderts, bekannt für seine kühne, provokante Mode- und Aktfotografie. Dass er seine ersten Schritte bei Yva gemacht hat, ist ein Teil ihres Vermächtnisses. Er konnte fliehen und sich ein neues Leben aufbauen. 2004 starb er in Los Angeles, beigesetzt wurde er in seiner Geburtsstadt Berlin.
Für Yva gab es diesen Ausweg nicht. Sie wurde nicht ermordet, weil sie etwas getan hätte. Sie wurde ermordet, weil sie war, wer sie war, eine Jüdin. Das war das ganze „Verbrechen". Es war der Hass eines Regimes, das Menschen in Kategorien presste, sie wie Möbelstücke umstellte, ihnen das Menschsein absprach.
Er kam nicht über Nacht, sondern in Etappen. Erst wurde ihr das Atelier genommen. Dann der Beruf, die Anerkennung. Dann die Wohnung. Sie musste als Röntgenassistentin arbeiten. Ihr Mann fegte Straßen, die er einst so geliebt hatte. Im Juni 1942 wurden beide verhaftet und deportiert. Sie wurden mit größter Wahrscheinlichkeit kurz darauf in einem Vernichtungslager ermordet.
Was mich daran so erschüttert: Jeder einzelne Schritt war ein Schritt, den andere gesehen, gebilligt oder einfach hingenommen haben. Wegsehen war bequem. Man hat sich abgewandt, man hat nicht zugehört. Genau deshalb reicht es nicht, wenn wir sagen „Nie wieder". Wir müssen es leben. Im Alltag, im Gespräch, am Stammtisch, im Netz. Wer Menschen wegen ihrer Herkunft oder ihres Glaubens ausgrenzt, wer schweigt, wenn gehetzt wird, legt den ersten Stein auf diesen Weg. Respekt ist keine Floskel, er ist die Grundlage von allem. Und Erinnerung ist kein Pflichttermin, sie ist eine Haltung – lebendig, schmerzhaft, unausweichlich.
Ich bin viel gereist, die Kamera immer dabei, und habe dabei gelernt, wie sehr Vorurteile unser Sehen färben. Marseille gilt in den Medien als gefährlichste Stadt Europas. Ich wurde dort, ohne ein Wort Französisch zu sprechen, herzlich aufgenommen. Das Bild im Kopf und die Wirklichkeit passten nicht zusammen. Wer sein Urteil schon fertig mitbringt, sieht den Menschen nicht mehr, und genau so beginnt Ausgrenzung. Heute erlebe ich, wie schnell der Anstand verloren geht, sobald man sich hinter einem Bildschirm verstecken kann. Anonym wird gehetzt, ausgegrenzt und verspottet, und was gestern noch unsagbar war, steht heute als Zweizeiler unter einem Beitrag. Dort, im scheinbar Harmlosen, fängt es an. Das lehrt uns Yvas Geschichte.
Auch unser Sehen hat sich verändert. Wir wischen Bilder weg wie Staub, Hunderte am Tag, ohne eines wirklich anzusehen. Und wir leben in einer Zeit, in der Bilder in Sekunden verändert oder gleich ganz erschaffen werden können. Ich arbeite selbst gern mit dieser Technik, so wie ein Maler mit dem Pinsel, aber gerade deshalb weiß ich, wie leicht ein Bild lügen kann. Wer Bildern blind glaubt, wer Schlagzeilen nicht hinterfragt, wer nur noch wischt und nicht mehr denkt, ist leichter zu lenken, als er glaubt. Kritisch denken, nachfragen, hinsehen! Es ist die Notwehr zu unserer Freiheit.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, als Außenseiter zu gelten, als jemand, der nicht dazugehört. Das ist nicht ansatzweise mit dem zu vergleichen, was Yva erlitten hat, und ich will es auch nicht vergleichen. Aber es hat mir gezeigt, wie schnell ein Mensch zum Fremden erklärt wird, und wie viel es bedeutet, wenn ihm jemand mit Respekt begegnet. Erinnern heißt für mich deshalb, hinsehen, wo andere wegsehen, widersprechen, wo andere schweigen, und die Hand reichen, wo andere sie verweigern.
Yvas Bilder sind geblieben. Über hundert davon kann man heute online ansehen, frei zugänglich für alle, die hinschauen wollen. In Berlin trägt ein Platz ihren Namen, ein Stolperstein erinnert an sie und ihren Mann. Das Vermächtnis ist ihre Kunst, die sich nicht auslöschen lässt, und die Mahnung, dass wir aufeinander achtgeben müssen, solange wir hinschauen können.
© Hans-Jürgen Abts