Sie glauben, sie seien in Paris. Sie haben recht – und sie irren sich.

Die beiden Frauen glauben, sie seien in Paris. Sie haben recht – und sie irren sich.

Unter ihren Füßen liegt das Pflaster der Champs-Élysées, jene breite Bühne, auf der seit über drei Jahrhunderten flaniert, gekauft, gefeiert und marschiert wird. Die rote Tasche schwingt im Rhythmus der Schritte, und vielleicht steckt darin etwas, das man sich in Köln nicht gekauft hätte, weil es dort weniger nach Paris aussieht. Sie gehen zügig, ihre Schatten sind schon einen halben Schritt vorausgeeilt.

Was sie nicht sehen: Hinter ihnen ist der Himmel ausgetauscht worden. Wo eigentlich Haussmann-Fassaden und Platanen stehen müssten, ragt ein Kranhaus vom Kölner Rheinauhafen in die Luft – Glas, Stahl, diese seltsame Geste eines Gebäudes, das so tut, als könne es gleich etwas anheben. Vielleicht die ganze Straße. Vielleicht die beiden Frauen.

Der Mann im blauen Hemd auf der anderen Seite gehört zu keiner der beiden Städte ganz. Er löst sich an den Rändern auf, als sei er unterwegs zwischen Rhein und Seine und noch nicht angekommen. Fünfhundert Kilometer Landstraße, zusammengefaltet auf einen einzigen Schritt.

Nur das Fahrrad am Pfosten steht still. Es weiß als Einziges, wo es ist. Es sagt es nur nicht.

Der Blick

Dieses Bild lügt – und gerade deshalb ist es wahr.

Technisch sind zwei Orte übereinandergelegt: Paris liefert die Bewegung, Köln die Kulisse. Die Montage ist so gearbeitet, dass die Nahtstelle verschwindet. Das Pflaster mit seinem Zebramuster aus Licht und Schatten führt das Auge in die Tiefe, und dort, wo man den Arc de Triomphe erwarten würde, steht moderne Kölner Architektur. Der Bruch fällt erst auf, wenn man es weiß. Danach kann man ihn nicht mehr übersehen.

Die malerische Bearbeitung ist der Klebstoff. Glühende Kanten, Pinselstruktur, gesättigte Farben – sie ziehen beide Städte auf dieselbe Oberfläche, wie ein Firnis über ein Gemälde. Ohne diese Behandlung sähe man zwei Fotos. Mit ihr sieht man einen Traum.

Und das Rot hält alles zusammen: die Tasche links, die Hose rechts, das runde Schild in der Mitte. Drei Punkte, ein Dreieck – über Ländergrenzen hinweg.

Der Echo

Die Idee, Wirklichkeit zu zerschneiden und neu zusammenzusetzen, ist so alt wie die Moderne. In den Zwanzigerjahrenklebten die Berliner Dadaisten – allen voran Hannah Höch – Zeitungsfotos zu Bildern zusammen, die ihre zersplitterte Gegenwart zeigten. Fotomontage war damals ein Angriff: auf die Behauptung, ein Foto zeige, was ist.

Die Futuristen in Italien wollten zur selben Zeit Bewegung malen statt Körper. Giacomo Ballas Dackel von 1912 hat so viele Beine, dass man das Gehen sieht, nicht den Hund. Die durchscheinenden Passanten in diesem Bild stammen aus dieser Familie.

Und dann ist da Italo Calvino. In seinem Buch Die unsichtbaren Städte von 1972 beschreibt Marco Polo dem Kublai Khan Dutzende fantastischer Städte – bis der Khan ahnt, dass Polo vielleicht immer nur von einer einzigen spricht: seiner Heimat Venedig, gespiegelt in allem, was er sieht.

Vielleicht ist das hier auch so. Wer aus Köln nach Paris reist, nimmt Köln mit. Und wer zurückkommt, sieht den Rhein ein bisschen mit Pariser Augen.

Zum Schluss

Wir sind nie nur an einem Ort – wir tragen alle Städte mit, durch die wir je gegangen sind.

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