Manchmal gibt es Nächte, die mich nicht schlafen lassen. Nächte, in denen der Kopf arbeitet wie ein überhitztes Gerät, während der Körper längst aufgibt. Dieser Text ist ein Moment aus genau so einer Nacht – ehrlich, ungefiltert, ohne Pose. Ein Blick auf mein Leben, auf Routinen und auf Gedanken, die sich weigern, still zu sein.
Es ist drei Uhr morgens. Mal wieder. Während um mich herum in diesem Vorort von Köln alles schläft, läuft mein Gehirn im absoluten Hochleistungsmodus. Die Psychologie nennt das Hyperarousal oder Rumination – das unaufhörliche Kreisen von Gedanken, die Jagd der Synapsen, die sich im Sekundentakt gegenseitig überholen.
Manchmal frage ich mich, ob mit mir etwas nicht stimmt, wenn mich in solchen Nächten selbst das leiseste Ticken der Wanduhr aggressiv macht. Ein sauberer, unerbittlicher Rhythmus, der sich in mein Gehör bohrt.
Ich bleibe oft liegen, versuche das System zu überlisten und verhandele zähe Minuten mit meinem Körper. Ich weiß genau, dass das frühe Aufstehen im Laufe des Tages seinen Tribut zollen wird. Aber dieses zwanghafte Liegenbleiben im Bett ist Schwerstarbeit, wenn im Kopf bereits die Scheinwerfer brennen.
Wenn der Zeiger die Grenze von drei Uhr überschreitet, weicht der Widerstand einer stillen Vorfreude. Ich stehe auf. Der erste Weg führt in die dunkle Küche. Das leise Aufbrühen, der erste Schluck einer heißen, starken Tasse Kaffee – das ist der eigentliche Grenzübertritt.
Ich trage die Tasse hinüber in mein Wohnzimmer. In diesem Raum herrscht eine ganz andere Atmosphäre: dunkles Holz, meine Fotos an den Wänden und eine braune Ledercouch im englischen Stil. Hier drinnen hat das laute Chaos der heutigen Welt Hausverbot.
Ich setze mich nicht sofort ans MacBook. Ich greife zum iPhone, um die Sätze zu sichern, die im Kopf bereits stehen.
Und genau jetzt, in dieser absoluten Isolation zwischen Nacht und Morgen, ist er plötzlich da.
Er sitzt drüben auf der braunen Ledercouch, ist tief in das Polster gesunken und hat die Beine weit von sich gestreckt. Charles Bukowski. Das Gesicht zerfurcht wie eine rissige Putzwand, die Augen schmal und wach im Schatten des Raumes. Er riecht den Kaffee, sieht das matte Glimmen meines Displays und grinst dieses dreckige, wissende Grinsen.
„Immer noch dasselbe Spiel, was, Kumpel?“, murmelt er mit einer kratzigen, rauchgeschwängerten Stimme. „Drei Uhr morgens und der Kopf brennt.“
Ich tippe den Satz zu Ende, lege das Telefon beiseite und sehe ihn an.
„Mein Kopf schaltet nicht ab, Charles. Ich bin jetzt 62 Jahre alt. Seit über 45 Jahren gehe ich Tag für Tag meinem Beruf nach, spule die Routinen ab und sichere damit meinen Lebensunterhalt. Ich habe mit sechzehn angefangen. Aber dieser Job fordert den Geist einfach nicht. Er läuft im Leerlauf, flüchtet sich den ganzen Tag in kreative Welten und explodiert dann genau hier, wenn alles andere schläft.“
Bukowski nickt langsam, seine Finger trommeln einen stummen Takt auf der ledernen Armlehne.
„Die Post“, sagt er leise, und ein vertrauter Schatten fliegt über sein Gesicht. „Über elf Jahre habe ich bei diesem Verein Briefe sortiert. Stumpfe Griffe, Stunde um Stunde, Tonnen von Papier, die durch meine Hände wanderten. Der Körper funktioniert wie eine programmierte Maschine, aber das Gehirn sitzt im Käfig und hungert. Es fängt an, sich selbst zu zerfleischen, wenn du ihm kein Futter gibst.
Ich habe damals jede feindselige Fratze am Schalter, jeden hysterischen Kunden und jede absurde Vorschrift aufgesaugt. Ich habe mir die Geschichten tagsüber im Gehirn zurechtgelegt, während meine Hände Briefe in die Fächer warfen. Weißt du, was das ist?“
Er blickt mich scharf an.
„Das ist kein Defekt. Das ist ein Schutzmechanismus. Wenn dein Job dich geistig unterfordert, baut dein Kopf eine eigene, parallele Realität auf, um nicht zu verkümmern. Er schärft den Blick für das Unscheinbare. Du bist 62, du hast über viereinhalb Jahrzete reine Disziplin hinter dir. Du flüchtest dich den ganzen Tag auf der Arbeit in deine Bilder und Texte. Du planst die Linien, die harten Kontraste deiner Fotografien, während du deine Pflichten erfüllst. Dein Gehirn holt sich im Geheimen das, was das System ihm verweigert.“
Bukowski beugte sich vor, tippte mit seinem rissigen Zeigefinger grob gegen die Mitte des Bildschirms meines MacBooks welches noch vom Vorabend, aufgeklappt auf dem Tisch steht, genau auf die Vorschau meines Fotos mit den beiden Frauen hinter der Mauer vor der hellen Hausfassade.
„Das ist gut“, raunte er und kniff die Augen zusammen. „Diese Fassade. Die Welt da draußen sieht nur ein unscharfes, blasses Gebäude, an dem man blind vorbei geht. Aber dein Kopf hat angehalten. Du hast diese zwei Gestalten da vor der Hauswand fixiert. Sie gehen da, isoliert von der wuchtigen Architektur, gefangen in ihrem eigenen, kleinen Moment. Das ist es, was ich meine, Kumpel: Du nimmst die Realität nicht als gegeben hin. Du ziehst die Ränder weich, lässt die unwichtige Welt verschwimmen und isolierst den ehrlichen Kern. Dein Gehirn hungert nach diesen stillen Geschichten, während deine Hände im Alltag das Rad am Laufen halten. Dieses Foto ist kein netter Zeitvertreib. Es ist dein verdammter Ausbruchsversuch.“
Er greift in seine Tasche, zieht eine Zigarette heraus und blickt an die Decke.
„Weißt du, als John Martin von der Black Sparrow Press mir 1969 anbot, mir ein Leben lang einhundert Dollar im Monat zu zahlen, wenn ich den Postjob kündige und nur noch schreibe, war ich fast fünfzig. Fünfzig, verdammt noch mal!
Ich hatte zwei Optionen: im Postamt bleiben und verrückt werden, oder kündigen und verhungern. Ich habe mich fürs Verhungern entschieden. Einen Monat später hatte ich meinen ersten großen Roman fertig: Post Office. Ich habe ihn in weniger als drei Wochen in die Schreibmaschine gehämmert. Das war keine hohe Kunst, das war ein Ausbruch aus dem Zuchthaus des Alltags. Die Sätze kamen heraus wie Blut aus einer offenen Wunde.“
Ich nehme einen Schluck Kaffee und höre zu. Seine Worte spiegeln meine eigene Frustration.
„Manchmal ärgert es mich aber unbarmherzig“, antworte ich. „Am frühen Abend bricht die Müdigkeit über mich herein, der Körper streikt. Ich sehe die Ideen, die Bilder, die ungeschriebenen Texte auf dem MacBook, aber ich kriege sie wegen der fehlenden Energie nicht umgesetzt. Alles staut sich bis zum Wochenende, während ununterbrochen neue Gedanken nachströmen. Ich lausche Berichten von Menschen, die ihren Kopf einfach ausknipsen können. Wie machen die das? Haben die einen Frieden, den wir nicht haben?“
Bukowski lacht auf. Ein raues, heiseres Geräusch, das kurz die Stille des Raums bricht.
„Frieden? Nenn es nicht Frieden, Kumpel. Das ist Koma. Die schlafen, weil sie nichts zu verarbeiten haben. Die legen sich hin und da ist einfach nur Leere, weil sie tagsüber jeden Smalltalk, jeden stumpfen Medienmüll unkritisch in sich hineingefressen haben. Ihre Filter sind verstopft, aber es stört sie nicht.
Willst du das wirklich? Willst du ein flaches, poliertes Leben ohne Reibung, nur um acht Stunden durchzuschlafen? Ich habe mich mein Leben lang geweigert, so zu werden wie diese glatten Intellektuellen, diese akademischen Dichter, die in ihren Elfenbeintürmen sitzen und über die Struktur von Metaphern schwadronieren, während sie noch nie echten Staub geschluckt oder einen Schlag ins Gesicht kassiert haben.
Wahre Geschichten entstehen nicht in der Komfortzone. Sie entstehen dort, wo es wehtut, wo das Leben roh ist.“
Er beugt sich vor, stützt die Ellbogen auf die Knie und fixiert mich aus dem Schatten der Couch.
„Du hast ein reizoffenes Präzisionswerkzeug im Kopf. Ein hochempfindliches System, das keine Oberflächlichkeiten duldet. Du bist oft übersensibel, du kannst diese großen Menschenmassen nicht aushalten. Deshalb ekelt dich dieses belanglose Geplauder an, das dir keinen intellektuellen Input liefert.
Dein Kopf verlangt nach echter Substanz. Wenn er sie tagsüber nicht bekommt, zwingt er dich am Wochenende unbarmherzig raus. Du musst reisen, dich zieht es in die dreckigen, ehrlichen Orte, um neue Eindrücke zu fressen.
Und du suchst bewusst das Umfeld von Kampfsportveranstaltungen. Warum? Weil du dort diese loyale, raue Realität findest, in der die Masken fallen. Beim Boxen gibt es keine Lügen, keinen Smalltalk. Nur den Mann vor dir, die Seile und den nächsten Schlag.
Es ist genau wie beim Schreiben: Wenn du nicht absolut ehrlich bist, schlägt die Realität dir ins Gesicht. Dein Geist braucht diese ungeschönte Geometrie des Augenblicks zum Atmen.“
„Aber der Preis ist hoch“, sage ich leise und blicke auf mein Handy. „Der Körper kommt manchmal einfach nicht mehr mit dem Tempo des Kopfes hinterher. Das ist ein ständiges Wettrennen gegen die eigene Kreativität. Es frustriert mich, dass die Energie oft fehlt.“
„Natürlich ist der Preis hoch“, knurrt Bukowski und lehnt sich wieder zurück in das englische Leder. „Glaubst du, das gibt es umsonst? Ich habe mein Leben in billigen Absteigen verbracht, habe mich mit miesen Jobs kaputtgemacht und die Sätze nachts in die Schreibmaschine geprügelt, während der Schädel vom Alkohol dröhnte.
Als mein Buch Factotum herauskam, dachten die Leute, ich feiere das Vagabundenleben. Einen Scheiß habe ich gefeiert. Ich habe das nackte Überleben beschrieben. Aber das war verdammt noch mal egal.
Ich habe nicht geschrieben, um auf einer Bestsellerliste zu stehen oder um den Leuten zu gefallen. Auf meinem Grabstein steht heute ‚Don’t Try‘. Weißt du, was das bedeutet?
Es bedeutet nicht, dass du nichts tun sollst. Es bedeutet: Wenn du es erzwingen musst, lass es sein. Wenn es nicht von selbst aus dir herausbricht – aus deinem Frust, deiner Schlaflosigkeit, deinem Trotz –, dann ist es keine Kunst.
Das Schreiben und deine Fotografie, das sind keine Hobbys, um die Zeit totzuschlagen. Es sind deine Ventile, um die Routine von 45 Arbeitsjahren zu überstehen. Du dekonstruierst den Zeitgeist, ungefiltert und direkt, für die wenigen, die noch eine Antenne für die Wahrheit haben.“
Er schließt die Augen und sackt noch ein Stück tiefer in das Polster, bis er fast mit den Schatten des Raumes verschmilzt.
„Akzeptiere den Deal, Kumpel. Weniger Schlaf, keine Geduld für Belangloses – aber dafür ein Geist, der sich weigert, jemals stillzustehen. Schreib es genau so auf. Ohne Schnörkel.“
Als ich den Blick wieder zum iPhone wende und den nächsten Absatz tippe, ist es auf der Couch wieder absolut still. Ich schaue nicht mehr hoch. Ich weiß, dass er recht hat.
Das Rattern im Kopf schaltet nicht ab, aber hier im Zimmer, mit dem Duft von frischem Kaffee und der Präsenz dieser radikalen Ehrlichkeit, ist es kein Fluch mehr. Es ist eine tiefe, fast trotzige Zufriedenheit.
Ein Kopf, der verdammt noch mal lebt.

- Don´t Try -
Hans-Jürgen Abts
September2026
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