Es gibt Städte, die machen es einem als Fotografen leicht. Sie bieten gefällige Postkartenmotive, malerische Fassaden im sanften Abendlicht und eine südländische Romantik, die alles weichzeichnet. Arles im Süden Frankreichs ist so ein Ort. Besonders hier im September, wenn der große Sommeransturm der Touristen verfliegt, zeigt die Stadt ihr wahres Gesicht. Doch während die meisten Menschen hierherkommen, um die gesamte Stadt zu besichtigen, die großen Museen abzulaufen, was ich auch sehr gerne getan hätte, oder die modernen Architektur-Attraktionen am Stadtrand zu knipsen, hatte ich leider nur Zeit für einen kurzen Abstecher. Ein flüchtiger Moment, um mit den gängigen Sehgewohnheiten zu brechen.
Wenn ich durch solche Gassen ziehe, folge ich keinem Programm. Wo andere Schönheit suchen, suche ich nach Strukturen, harten Kontrasten und einer fast industriellen Strenge. Es ist eine Sichtweise, die nicht gefallen will, sondern den Kern der Dinge freilegt. Es ist meine ganz persönliche Suche nach der grafischen Strenge des Alltäglichen.
Das Erbe der Meister: Ein kurzes, extremes Sehen
Ich kann mich auf den Straßen von Arles nicht bewegen, ohne den Dialog mit den Künstlern zu spüren, die sich hier einst die Seele aus dem Leib arbeiteten. Nicht alle kamen wegen des Lichts – aber jeder von ihnen nutzte es, um die Realität auf seine eigene, radikale Weise aufzubrechen. Das inspiriert meine eigene Vorgehensweise.
Im Februar 1888 flüchtete Vincent van Gogh vor dem grauen Pariser Winter hierher. Was er suchte, war die Sonne des Südens; was er fand, war eine kreative Explosion. In nur 16 Monaten malte er über 300 Bilder. Er hielt die Welt nicht fest, wie sie war, sondern goss seine innere Zerrissenheit in dicke, emotionale Farbschichten. Als sein Kollege Paul Gauguin ihm folgte, wurde das gemeinsame Atelier zum Schlachtfeld. Die beiden Giganten stritten sich ununterbrochen über Farben, Bildaufbau und das richtige Sehen. Es war ein ununterbrochenes Ringen um die visuelle Wahrheit, das die Kunstwelt für immer aus den Angeln hob. Jahrzehnte später war es Pablo Picasso, der sich in die Stadt verknallte. Ihn interessierte nicht die sanfte Provence – ihn faszinierten die rohen, archaischen Stierkämpfe in der Arena. Er suchte das Kraftvolle, das Wilde, die pure Energie.
Die eigentliche Revolution für das Medium Fotografie startete jedoch ein Sohn der Stadt: Lucien Clergue. Gefördert von Picasso, befreite Clergue die Fotografie aus den dunklen Dokumentar-Archiven. Er schaute mit einem ungeschminkten Auge auf seine Heimat. Clergue suchte die nackte Poesie in den Mustern der Natur und vor allem im harten, grafischen Wechselspiel von Licht und Schatten. Er machte die Straße zur Galerie, als er 1970 das Festival Les Rencontres de la Photographie gründete. Es ist diese rohe Tradition der Straße, die mich anzieht – nicht die glatten Fassaden der Moderne.
Die Schichten der Straße. Die wild plakatierte Häuserwand wird bei mir zu einer geologischen Studie der Stadtkultur. Ich isoliere die Fassade so, dass das Chaos der abgerissenen Papierfetzen und fragmentierten Gesichter eine eigene, fast texturierte Ordnung bekommt. Durch das extrem kontrastreiche Schwarz-Weiß nehme ich der Szene jede Farbigkeit und reduziere das urbane Rauschen auf reine Strukturen. Die dunkle Eingangstür im unteren Bereich wird zum grafischen Anker, der das gesamte Bild für mich zusammenhält.
Metamorphose. Hier bricht mein Blick komplett aus der klassischen Dokumentation aus und bewegt sich im Bereich der radikalen Abstraktion. Das Werk ist für mich eine vielschichtige Grafik-Studie. Ich überlagere raue, fast schmutzige Texturen mit geometrischen Mustern und Linien, die wie Fragmente einer verwitterten Plakatwand wirken.
Das Gesicht im Stein. Auf meinen kurzen Wegen faszinieren mich die Brüche in der Stadt. Hier wird die steinerne Wand selbst zum Medium. Das Plakat eines ausdrucksstarken Gesichts klebt an einer extrem rauen, fast rissigen Mauerfläche. Es ist das Spiel mit der Illusion im öffentlichen Raum – ein Bild im Bild, das den Betrachter zwingt, innezuhalten. Die Texturen des bröckelnden Putzes überlagern sich visuell mit den Kontrasten des Porträts. Es ist keine feine Studiofotografie, sondern das nackte Zusammenspiel aus vergänglichem Papier und unnachgiebigem Stein.
Absolute Geometrie. Dieses Bild zeigt meine Sichtweise in ihrer extremsten Form. Hier bricht meine Vorliebe für industrielle Klarheit voll durch. Ich fotografiere die historische Gassenflucht von Arles nicht wegen ihrer romantischen Altertümlichkeit, sondern wegen ihrer Linien. Das unbarmherzige Sonnenlicht im Hintergrund wird zur Klinge: Es bricht so grell zwischen den Häuserwänden hervor, dass die Fassaden im Licht regelrecht explodieren, während der Vordergrund in tiefem, schwerem Schatten versinkt. Dieser brutale Kontrast teilt das Motiv mit einer Härte, die mich sofort an grafische Strenge und Fluchtlinien erinnert.
Sorry Mom. Eine urbane Collage, die die raue Street-Art-Energie von Arles auf den Punkt bringt. Das Motiv lebt von harten, unbarmherzigen Hell-Dunkel-Flächen. Der Blick wird sofort von dem Schriftzug „SORRY MOM“ auf der Kappe gefangen – ein starkes, rebellisches Statement inmitten eines wilden Puzzles aus Plakatabrissen, Skateboard-Fragmenten und grafischen Elementen.
Wo andere wegschauen, fasziniert mich die visuelle Wucht dieses Durcheinanders. Durch den extremen Kontrast verliert die Szene jeden Charakter eines Zufallsbefundes; sie wird zu einer bewussten, grafisch perfekt ausbalancierten Komposition über die Jugendkultur auf der Straße.
Fragmentierte Realität. Während klassische Reportagefotografen nach dem einen, scharf abgegrenzten Moment suchen, feiere ich in dieser Arbeit die bewusste, helle Überlagerung. Dieses Werk ist eine visuelle Nahaufnahme des kreativen Chaos. Durch dichte, fast transparente Mehrfachschichten lasse ich Plakatfetzen, Rasterpunkte und Gesichtsfragmente ineinander überfließen.
Das Bild verweigert sich dem schnellen Blick im Vorbeigehen – man muss es sich erarbeiten. Es wirkt wie eine verblasste, fast geisterhafte Erinnerung an die Stadt, die ihre eigenen Spuren stetig überschreibt. Es ist meine radikalste Abstraktion des urbanen Lebens auf diesem Abstecher.