Faustrecht und Herzblut: Wo der Kiez noch atmet
Wenn das Licht im Saal erlischt, gibt es diesen einen, winzigen Moment der absoluten Stille. Es ist das kollektive Luftholen von Hunderten Menschen, bevor der erste Gongschlag die Luft zerschneidet. In diesem Moment stehe ich am Ring. Die Kamera fest im Griff, das Auge am Sucher, den Finger am Auslöser. 
Seit 2022 bin ich nun schon regelmäßig als einer der Fotografen am Ring von „Boxen im Norden“ dabei. Es war eine Reise, die als fotografisches Projekt begann und mich tief in das Herz von Hamburg-St. Pauli geführt hat. Gefesselt von einer Atmosphäre, die in unserer heutigen Welt selten geworden ist, Oldschool, absolut authentisch und unbeschreiblich ehrlich.
Die Große Freiheit 36: Ein Tempel der fliegenden Fäuste
Normalerweise dröhnen hier die Bässe, und die Scheinwerfer beleuchten Musiker und Bands. Doch wenn der Hamburger Promoter Thomas Nissen zum Kampfabend lädt, verwandelt sich die Große Freiheit 36 in einen Hexenkessel. Wo sonst gefeiert wird, steht nun der Boxring im harten, unbarmherzigen Licht.
Es ist eine ganz besondere Atmosphäre , rohe Energie. Wenn die Boxgala beginnt, weicht der Geist des Rock ’n’ Roll nicht etwa dem Sport – die beiden Welten verschmelzen komplett. Zwischen den Kämpfen peitschen Live-Acts den Rhythmus der Reeperbahn durch die Halle.
Es ist eine Atmosphäre, die man nicht beschreiben kann. Man muss sie riechen, hören und spüren. Hier gibt es keine künstliche Glitzerwelt, hier zählt nur, was ein Mensch im Ring zu leisten imstande ist.
Im Schatten der „Ritze“: Zusammenhalt und Respekt
Wer das Boxen in Hamburg verstehen will, kommt an der „Ritze“ nicht vorbei. Die legendäre Kultkneipe auf der Reeperbahn mit den gespreizten Frauenbeinen über der Eingangstür ist eine Institution. Doch die wahre Magie verbirgt sich im berühmten Boxkeller im Untergeschoss. Hier, wo schon Legenden trainierten und der Duft von Leder und Schweiß in den Wänden festsitzt, spürt man die Wurzeln dieses Sports.
Was mich in den Jahren auf dem Kiez am meisten fasziniert und berührt hat, ist nicht allein die Härte im Ring. Es sind die Menschen dahinter.
Die Reeperbahn hat ihre eigenen Gesetze, doch unter der rauen Schale liegt ein unerschütterlicher Kern ,ein Zusammenhalt, den man anderswo oft vergeblich sucht. Es ist ein tiefes Gefühl von Ehre, von Loyalität und gegenseitigem Respekt. Die Kiez-Gemeinschaft steht zusammen, fängt sich auf und hält Wort. Vor dieser Haltung kann ich nur sagen: Respekt. Respekt Hamburg.
Wenn der Kampf vorbei ist, fallen sich Kontrahenten in die Arme, die sich eben noch alles abverlangt haben.
Die Kämpfer im Fokus
Durch meinen Sucher sehe ich das Spiel der Muskeln, den Schweiß, der im blitzenden Scheinwerferlicht wie Hagel auf der Haut explodiert, und den unbedingten Willen in den Augen der Athleten.
Allen voran steht für mich Fai Phannarai im absoluten Mittelpunkt des Geschehens. Als ungeschlagene WBF-Weltmeisterin und wahrer „Diamant“ im Stall von Thomas Nissen ist sie das ganz große Aushängeschild von Boxen im Norden. Wenn sie den Ring betritt, faszinieren mich ihre unglaubliche Schnelligkeit, die boxerische Präzision und ihre flinke Beinarbeit jedes Mal aufs Neue.
Es ist tief beeindruckend zu sehen, mit welcher Willensstärke sie im Bantam- und Superbantamgewicht ihre Titel verteidigt – ein echtes Ausnahmetalent.
Sie zu fotografieren bedeutet, pure Ästhetik gepaart mit eiserner Entschlossenheit einzufangen.
Gleichzeitig sorgt das neue kasachische Top-Talent im Team für sportliche Weltklasse im Ring,Viktor „The Butcher“ Temirov. Ehrgeizig und als versierter Techniker gehört ihm zweifellos die Zukunft. 
Seine eiserne Disziplin und seine unbarmherzige Schlagkraft im Bild festzuhalten, ist für mich als Fotograf eine packende Herausforderung.
Thomas Nissen sorgt mit unermüdlichem Einsatz dafür, dass die Cards nie an internationaler Klasse verlieren. 
Er holt immer wieder neue, hochkarätige internationale Boxer nach Hamburg. So brachte er echte Schwergewichts-Hünen aus England auf den Kiez: Kämpfer wie den 2,03 Meter großen ,,Steven „Disney Drago“ Robinson oder Neil Wilson, die mit britischer Härte den Ringboden erschüttern.
Zusammen mit den etablierten Spitzenathleten, die die Abende prägen – wie dem unermüdlichen Alexander Pavlov, Lokalmatador und Ex-IBO-Weltmeister Sebastian „Hafen-Basti“ Formella sowie dem Deutschen Meister Nenad Stancic – bringen sie die Halle regelmäßig zum Kochen. Wenn sie den Steg zum Ring betreten, begleitet vom ehrlichen Applaus der Hamburger Fans, konzentriere ich mich ganz darauf, diese harten und ungeschminkten Momente der Realität im Bild festzuhalten.
Ein Versprechen an die Vergänglichkeit
Fotografie bedeutet für mich, aus der Vergänglichkeit des flüchtigen Augenblicks etwas Bleibendes, Zeitloses zu schaffen. Ein linker Haken, der sein Ziel findet, der Trainer, der seinem Schützling in der Ringecke in den wenigen Sekunden Pause den Kopf wäscht; der erschöpfte, aber glückliche Blick des Siegers – das sind die Momente, für die ich live am Ring brenne.
Boxen im Norden ist kein steriles Fernsehevent. Es ist ein Fest für die Sinne, ein echtes Stück Hamburger Kultur, das man selbst erlebt haben muss. Wenn du spüren willst, wie das Herz von St. Pauli im Takt von schweren Boxhandschuhen schlägt, dann sichere dir einen Platz am Ring. Du wirst es nicht bereuen.
Ich lade dich ein: Tritt näher, nimm dir Zeit und betrachte diese faszinierende Welt des Boxens durch meinen Fokus.
Fortsetzung folgt...
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