Ein Plädoyer für den echten Blick
Es gibt Momente auf der Straße, da begreift man, dass die besten Geschichten dort warten, wo das Tempo wegfällt. Im September 2026 traf ich die Entscheidung, Frankreich ausschließlich über die Landstraßen zu durchqueren. Keine Autobahnen, keine sterilen Mautstationen, sondern nur das Auto, die Straße und der ungeschönte Blick auf das Land. Vierzehn Tage lang zog ein lebendiges Gemälde an meinem Autofenster vorbei: erst die dichten, fast vergessenen Wälder der Ardennen, dann die weiten, im Spätsommerlicht glänzenden Hügel der Champagne, gefolgt vom endlosen Strom der Metropole Lyon, dem staubigen, geschichtsträchtigen Pflaster von Arles und den malerischen Kanälen von Martigues, wo ich jeweils einen intensiven halben Tag verbrachte.
(Über meine Erlebnisse in Arles und Martigues werde ich an anderer Stelle noch ganz separat berichten.)
Doch das eigentliche Herzstück dieser Reise, der Ort, der mich am längsten festhielt und der zu einer ganz eigenen Erfahrung wurde, war eine Stadt, vor der man mich gewarnt hatte: Marseille. Das Auto ließ ich an der Küste, in Carry-le-Rouet, zurück. Ich wollte mich der Stadt nicht über verstopfte Einfallstraßen nähern, sondern über einen ganz besonderen Weg: mit dem Zug entlang der Côte Bleue. Es wurde eine wunderbare, fast magische Fahrt. Die Gleise schlängeln sich direkt am azurblauen Meer vorbei, überqueren kühne, steinerne Viadukte und bieten spektakuläre Ausblicke auf versteckte Buchten. Es war der perfekte, entschleunigte Übergang von der Einsamkeit der Küste hinein in das pulsierende Leben der Metropole.
⚓ Das raue Herz am Kai: 2.600 Jahre Realität
Als ich aus dem Bahnhof trat, sprühte es mir sofort entgegen, Marseille ist keine Stadt, die sich für Fremde hübsch macht. Sie bettelt nicht um Applaus, sie schmeichelt sich nicht ein. Sie steht einfach da, monumental und ungeschönt. Gegründet vor über 2.600 Jahren von phokäischen Seefahrern als Massalia, ist sie die älteste Stadt Frankreichs und eine der ältesten kontinuierlich besiedelten Metropolen unseres Kontinents. Seit der Antike schlägt ihr Puls am alten Hafen – diesem ewigen, brodelnden Umschlagplatz, an dem sich das südliche Europa, die Weite Nordafrikas und die Jahrtausende alten Kulturen des Nahen Ostens seit Jahrhunderten ungefiltert treffen.
Während andere Metropolen im Norden versuchen, ihre Risse mit steriler Perfektion und glattpolierten Fassaden zu verdecken, feiert Marseille das Unperfekte. Sie versteckt ihre Narben nicht. Sie zeigt ihre Brüche und Kontraste mit einem Stolz, der mich sofort faszinierte. Und genau aus dieser wilden Energie heraus entsteht hier etwas, dem man sich kaum entziehen kann.
Überall an den geschichtsträchtigen Häuserfassaden zeigt sich diese Lebendigkeit in gigantischer, farbgewaltiger Graffiti-Kunst. Es ist kein Vandalismus im Schutz der Dunkelheit; es ist die visuelle Stimme der Stadt, ein lauter, pulsierender Dialog auf altem Stein. Die urbane Kunst atmet den Geist der Straße, interpretiert die Mythen des Meeres neu und gibt den jahrhundertealten Mauern ein Gesicht, das so lebendig ist, dass man meint, die Wände könnten sprechen.
Man darf sich bei all dem visuellen Reichtum nur nicht hinter der Linse verstecken. Ich habe auf dieser Reise gemerkt, dass ich die Kamera gar nicht überall hochgenommen habe. Manche Momente sind zu flüchtig, zu intim, oder einfach zu groß, um sie in ein technisches Rechteck zu pressen – man muss sie auch mal ohne Sucher auf sich wirken lassen. Es ist eine feine Balance: Manche ehrliche Begegnung mit den Menschen dort kommt überhaupt erst zustande, weil man die Kamera dabei hat und das gemeinsame Interesse an der Kunst teilt. Manche tiefe Begegnung entsteht aber auch erst in dem Moment, in dem man das Gerät ganz bewusst sinken lässt.
Die Bilder, die ich dennoch von dort mitgebracht habe, sind meine ganz persönliche Antwort auf dieses visuelle Gewitter. Wenn man die steinernen Treppen hinaufsteigt, vorbei an bunten Wandmalereien, die Geschichten vom alltäglichen Leben erzählen, wird jeder Schritt zu einer Entdeckungsreise. Ich habe versucht, das Licht, den Rhythmus und die Linien der Stadt so einzufangen, wie ich sie gefühlt habe. Doch was diese Szenen am Ende erzählen, das muss jeder für sich selbst herausfinden.
Begegnungen auf Augenhöhe: Die Wahrheit hinter den Klischees
Bevor ich aufbrach, hatte ich die Berichte im Kopf. In den Medien, in Kriminalromanen und Fernsehdokumentationen wird Marseille oft mit düsteren Stempeln versehen, nicht selten als „die gefährlichste Stadt Europas“ betitelt. Doch die Straße lügt nicht. Jeder einzelne Tag vor Ort, jede zufällige Begegnung hat dieses Zerrbild in meinen Augen komplett zertrümmert. Wenn man den Menschen hier ohne Vorurteile, offen und mit einem einfachen Respekt begegnet, öffnet sich eine ganz andere Welt.
Ich bin auf meinen Wegen einer außergewöhnlichen Gastfreundschaft, einer tiefen Herzlichkeit und einer unaufgeforderten Zuvorkommenheit begegnet, die mich tief bewegt hat. Die Menschen in Marseille besitzen eine raue, aber zutiefst ehrliche Würde. Sie teilen ihre Stadt mit dem, der sich die Zeit nimmt, wirklich hinzusehen. Wer Respekt sät, erntet in Marseille eine Offenheit, die man in durchgestylten Touristenzentren vergeblich sucht.
Diese ehrliche, ungeschönte Atmosphäre zieht sich durch jeden noch so schmalen Straßenzug. Manchmal steht man in einer scheinbar endlosen, von dichtem Graffiti gesäumten Gasse, in der sich das Licht bricht und eine kleine Pfütze auf dem Kopfsteinpflaster den Himmel reflektiert. Es sind genau diese stillen Momente inmitten des urbanen Trubels, die das friedliche, stolze Mosaik einer Stadt ausmachen, die einfach unbändig lebt und atmet.
Nach all den Kilometern über Land war mein Fazit klar: Deutsche Großstädte wie Hamburg, Köln oder Berlin sind in puncto Sicherheit keineswegs sicherer oder friedlicher. Jede Metropole hat ihre dunklen Ecken und sozialen Reibungspunkte, aber das ist nicht die Seele der Stadt.
 Im Schatten der Meister: Das ewige Licht
Ich stand an den Häuserwänden und beobachtete, wie das Licht wanderte. Die Sonne in Marseille ist unbarmherzig hell, sie schneidet messerscharfe, tiefe Schatten in die Gassen und bringt die Farben der Stadt zum Leuchten, als würden sie brennen. Wenn das goldene Licht schräg auf die meterhohen, vielschichtigen Schriftzüge und Porträts an den Fassaden trifft, verschwimmen die Grenzen zwischen Architektur und Leinwand. In solchen Momenten begriff ich, warum diese Stadt seit Jahrhunderten eine fast magische Anziehungskraft auf Suchende ausübt. Ich bin nicht der Erste, der hier versucht hat, den Augenblick festzuhalten.
Der große Realist Honoré Daumier, der hier im frühen 19. Jahrhundert geboren wurde, blickte schon damals hinter die Masken der Gesellschaft und fand die ungeschminkte Würde im einfachen Alltag der Menschen.
Später, als die Fotografie laufen lernte, wurde Marseille zur Geburtsstätte neuer Sehweisen. Pioniere wie Nadar und die berühmte Detaille-Fotografendynastie dokumentierten über Generationen hinweg den Wandel der Stadt und die stolzen Gesichter ihrer Bewohner.
Sogar die Avantgardisten des Bauhauses, allen voran László Moholy-Nagy, reisten in den späten 1920er Jahren mit ihren Kameras hierher. Sie waren berauscht von der grafischen Strenge der Hafenkräne, dem Gewirr aus Stahl und Schiffsmasten und dem harten Spiel des Lichts auf dem Wasser. Sie suchten die Abstraktion im Chaos.
Wenn man heute mit dem eigenen Blick durch dieselben Straßen geht, tritt man unweigerlich in diesen großen, unsichtbaren Dialog. Die Meister von einst suchten die Seele im Stein; die namenlosen Street-Art-Künstler von heute sprühen sie an die Wände, wo riesige Wandbilder neben historischen Fensterläden existieren und der Stadt eine ungeahnte grafische Tiefe verleihen. Meine Bilder sind mein ganz persönlicher, stiller Beifall für dieses jahrhundertealte Schauspiel. Ein Versuch, die Linien der Stadt neu zu ordnen, ohne ihr die Freiheit zu nehmen.
Das ungeschönte Gesamtbild
Wenn ich heute an diese 14 Tage zurückdenke, setzt sich in meinem Kopf ein Bild zusammen, das weit über die Geografie hinausgeht. Marseille ist kein Ort, den man im Vorbeigehen konsumiert. Man muss sie aushalten, man muss sie einatmen. Sie ist die faszinierende Verbindung aus einer epischen, antiken Geschichte, der stolzen Haltung ihrer Menschen und dieser allgegenwärtigen visuellen Wucht an den Hauswänden.
Jede farbige Wand, die ich entdeckt habe, ist ein Teil dieser großen Erzählung. Sie beweisen, dass die stärksten Geschichten nicht in Museen zu finden sind, sondern dort, wo das Leben stattfindet: auf dem rauen Asphalt, mitten unter die Menschen.
Frankreich im September 2026 hat mich gelehrt, Vorurteile einfach an der Grenze abzugeben. Marseille hat Spuren hinterlassen – und die Erinnerungen, genau wie die Bilder dieser Reise, werden noch lange in mir nachhallen. J
Ein Blick hinter die Kulissen
Marseille hat mich nicht nur visuell bewegt, sondern mir auch Begegnungen geschenkt, die mein Verständnis von Werten und Charakter tief geprägt haben. Eine dieser Begegnungen führte mich zu einem echten Urgestein der Stadt, weit abseits der ausgetretenen Pfade.
Die ganze, romanhafte Geschichte über diesen außergewöhnlichen Ehrenmann der alten Schule, den Boxstall von Marcel Cerdan und unseren gemeinsamen Moment am Sandsack findet ihr hier :
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